Eine Geocacherin tot, einer noch vermisst – Und nun?

Underground Geocaching

Der ein oder andere hat es vielleicht schon mitbekommen, am vergangenen Sonntag ist bei einem Unwetter in Prag eine Geocacherin bei der Suche nach einem Underground-Cache ums Leben gekommen. Ein weiteres Mitglied der vierköpfigen Truppe wird laut Zeitungsartikel noch vermisst.

Auf meinen Tweet zum oben verlinkten Artikel gab es zwei Reaktionen, die unterschiedlicher nicht sein können:

Ich frage mich: Müssen Geocacher im Abwasserkanal nach Dosen suchen? Wer hat das genehmigt? Hat der Owner nicht auch eine „Sorgfaltspflicht“?

Ich hab eine Weile darüber nachgedacht was da passiert ist. Ich halte das für einen Unfall im klassischen Sinne (andere sagen „Dummheit“, was ich überheblich finde). IMO: Wenn es solche Caches nicht mehr gibt ist das ganze Geocaching-Ding komplett tot. my 2 ¢.

Es stellt sich – wie eigentlich bei jedem Unglück beim Geocaching – die Frage, ob es hätte sein müssen und ob man es verhindern hätte können. Ich selbst habe im letzten Jahrtausend, also noch bevor Geocaching überhaupt erfunden wurde, in einem Kanal Erfahrungen bei einem Gewitter gemacht. Glücklicherweise waren wir damals in der Nähe des Ausgangs, denn das Wasser stieg dermaßen schnell, dass es keine Minute länger hätte dauern dürfen und wir wären abgesoffen. Das hat mich als Geocacher aber nicht davon abgehalten eben solche Locations wieder aufzusuchen und trotz der schlechten Erfahrung eher irgendwie blauäugig und ohne große Information zum Wetter oder zu möglichen Unwettern in die Unterwelt abzutauchen.
Dämlich? Darwin-Award-verdächtig?!? Möglich, aber da lag ja schließlich ein offizieller Geocache und der wurde schon vorher oft gefunden… also was sollte da bitte schon groß passieren. :roll:
Wie man sieht kann so einiges passieren. Die vierköpfige Truppe, die vielleicht sogar das Wetter geprüft aber doch davon überrascht wurde, macht deutlich, dass das Cachen im Untergrund doch kein Spaß sein kann.
Es gibt immer wieder Fälle, in denen Caches in Abwasserkanälen gefunden und entfernt werden und auch in den Medien wurde schon vor Jahren darüber berichtet. Doch so etwas hält einen Geocacher nicht davon ab es doch zu tun – die Spielverderber sind doch nur Muggels, die haben ja keine Ahnung.

Um die Frage aus dem ersten Zitat oben aufzugreifen, das Totschlagargument der fehlenden Genehmigung lasse ich dabei mit Absicht mal außen vor:
Müssen Geocacher im Abwasserkanal nach Dosen suchen?
Ist es nicht die Pflicht der Owner, der Reviewer und am Ende der Community – und damit jedes einzelnen Geocachers – zu reagieren und die Geocacher daran zu hindern sich hier mehr als nur eine blutige Nase zu holen? Oder ist es aufgrund der geringen Unfallzahlen – Tausende Besucher vs. ein oder zwei Tote – nicht nötig einzugreifen? Gab es nicht auch mal einen Artikel – Geocache of the week? – im Blog von Groundspeak, in der ein solcher Underground-Cache „beworben“ wurde? Sollte man nun alle Underground-Caches archivieren, nur weil [Ironie]ach göttchen[/Ironie] einmal halt etwas passiert ist?

Und um auf das zweite Zitat von oben zurückzukommen: Wenn es solche Caches nicht mehr gibt, ist dann das ganze Geocaching-Ding komplett tot?
Böse Zungen behaupten, dass Geocaching schon vor mehr als 5 Jahren „offiziell“ gestorben ist, aber so leicht gibt der Gaul scheinbar doch nicht den Löffel ab. Spaß beiseite, der Reiz des Geocachings ist – i.d.R. – doch nicht der Petling an der Leitplanke, der Pornotrail, die durch die Bank weg hinbeschissene Statistik oder die x-te Souvenir-Diarrhoe. Der Reiz sind die Abenteuer, die genialen Caches, bei denen einem der Mund offen steht und von denen man noch Jahre später mit leuchtenden Augen erzählt. Lost Places, Underground-Caches, extreme T5er, etc. Wenn das alles aufgrund von offensichtlich fehlender Genehmigung – wohl nicht einmal der cachende Stadtteilbürgermeister hätte wohl einen solchen Underground-Cache in den Gedärmen der Großstadt genehmigt – und dem nicht von der Hand zu weisenden Gefahrenpotential wegfallen würde, dann könnte Groundspeak nicht mehr mit solchen Abenteuern werben und vermutlich wäre das Hobby auch nicht mehr das was es einmal war.

Doch was nun?
Reglementieren, Verbieten, Einschränken, NA bei Caches loggen wo noch nicht einmal im Ansatz auf mögliche Gefahren hingewiesen wird? Dem Hobby damit einen gewissen Reiz, quasi die Würze, nehmen? Muss man den betroffenen Cache unabhängig von 900 Funden und 246 Favoritenpunkten nun sofort archivieren? Müsste man dann bei ähnlichen (allen?) Underground-Caches nicht auch ebenso handeln oder muss auch dort erst etwas passieren?
Oder soll man einfach weitermachen wie bisher? Ist es einfach nur ein tragischer Unfall, aber halt ein Einzelfall? Sind Underground-Caches angesichts der Todeszahlen vielleicht sogar noch sicherer als Fliegen?
Sollte man sich nicht zumindest fragen und darüber diskutieren ob diese und ähnlich grenzwertige Arten der modernen Schatzsuche mit dem Geocaching, welches zum Massenhobby verkommen geworden ist, auch heutzutage noch vereinbar ist?

Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor. :hilfe:

Bleibt am Ende nur den Angehörigen mein Beileid auszudrücken und zu hoffen, dass der vermisste Geocacher noch gefunden wird.

Nachtrag: Vermisster Geocacher tot in der Moldau gefunden

Bildquelle: Pixabay

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Datum: Mittwoch, 13. Juni 2018 9:34
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10 Kommentare

  1. 10

    Na, „gottseidank“ ist der Cache nicht in Deutschland – der wird somit wohl nicht so schnell archiviert werden, wie das der behördenhörige Deutsche gerne hätte.

    Restrisiko. Punkt.

    Wenn ich einen Fuss vor die Haustüre setze, lebe ich tlw. sogar gefährlicher als bei so manchem T4,5.
    Zulässige Höchstgeschwindigkeit und „rechts vor links“* interessiert eh kaum einen.

    * (darf man das überhaupt heutzutage noch so sagen, weil „rechts“ ist ja böööse?!)

  2. 9

    Ich persönlich halte nicht viel davon, sich bei einem Hobby sozusagen freiwillig in Gefahr zu begeben.

    Ich habe schon bei manchem T4er gekniffen (oder Caches, die als T4 hätten bewertet werden müssen). Ich bin zwar relativ schwindelfrei, aber ich kenne auch meine eigenen Grenzen bei der Trittsicherheit. Und ja, mir liegt was an meinem Leben. Zumindest mehr als an dem einzelnen Punkt.

    In einen Abwasserkanal würde ich mich zum Cachen auch nicht begeben. Wie man sieht, kann das ja sogar lebensgefährlich werden und selbst wenn grade keine Flutwelle kommt, dürften die dort befindlichen Gase nicht grade der Gesundheit förderlich sein – auch wenn sie bei einem gesunden Menschen vermutlich auch keine dauerhaften Schäden hinterlassen.

    Aber vor allen Dingen: Was soll ich denn in einem Abwasserkanal? Sorry: Mir geht da keiner ab. Ergo: Solche Caches lasse ich sowieso sein. Den Hype um solche Caches verstehe ich somit auch nicht. Das mag aber eben mein Problem sein.

    Und jetzt ist es wieder passiert: Es gibt wieder Tote – mein Beileid gilt den Angehörigen – und das Hobby wird auch noch wieder mal in den Medien in Verruf gebracht – und in der Politik noch dazu, was noch wesentlich schlimmer ist. Der Bürgermeister von Prag will jetzt alle Caches überprüfen lassen.

    Es lässt sich nur hoffen, dass die Überprüfung mit Augenmaß gemacht wird, dann macht sie sogar Sinn. In Deutschland wäre wohl wieder mal das Kind mit dem Bade ausgeschüttet worden, wie die Tschechen damit umgehen, werden wir vermutlich bald sehen.

  3. 8

    […] Eine Tote bei Unwetter in Tschechien auch JR849 macht sich Gedanken […]

  4. 7

    Eines meiner schönsten Cache-Erlebnisse war „Deep into Baden-Baden“. Klar ist das dort gefährlich, auch wenn man sich vorher informiert, aber das Erlebnis möchte ich nicht missen.
    Ich habe mal einen Rad-Cache gelegt bei dem das Anfangsstück sehr steil und gefährlich war. Davor hatte ich deutlich gewarnt. Der Rest der 40 km Tour war dann ein ganz gemütlicher Teil. Auf diesem ganz gemütlichen Teil ist dann der Erstfinder schwer gestürzt, irgendwie nicht auf den Weg geachtet. Was ich damit sagen will: bei den gefährlichen Sachen passt man meistens mehr auf als bei den scheinbar harmlosen.

  5. 6

    Für mich „erlaubt“ oder „nicht erlaubt“ Teil der Risikobewertung. Vor Überraschungen die ihm bekannt sind sollte der Owner warnen. Dass ein verdohlter Bach mit 4km Länge bei Gewitter lebensgefährlich ist, ist nicht überraschend und ist auch in den Attributen vermerkt. Ich selbst bin noch nie in einen U-Cache ohne die Wettervorhersage zu prüfen. Aufwand nahe null und starke Reduzierung des Risikos. Es hat am Tag davor schon 21mm geregnet und ein Besucher hat notiert, dass er nach Blick auf die Wolken nicht angetreten ist.
    Ich habe auch einen Baumcache und fürchte mich vor dem Tag, an dem der erste runter fällt. Aber auch bei einem normalen Tradi kann ein Besucher verunglücken.
    Mit dem Schutzansatz muss man alle Gipfelkreuze abbauen und die Berge sperren, Baden in Seen und Flüssen verbieten.
    Ob dieser eine Cache archiviert wird oder nicht ist für nicht nicht entscheidend, das kann der Owner eingedenk des Unglücks machen, oder die Stadt fordern.
    Die Haltung: es darf mir keiner den Cache wegnehmen nur weil jemand gestorben ist finde ich auch nicht gut.
    Da sich der vermisste Cacher bis jetzt nicht gemeldet hat, fürchte ich, dass die Aussichten sehr schlecht sind.

  6. 5

    @JR849: Worauf ich hinaus will ist folgendes.
    Ich kann mich doch nicht immer darauf hinausreden zu sagen
    „war doch „genehmigt“, jetzt ist was passiert, jemand anderes ist schuld“

    Ob hier das Betreten erlaubt ist oder nicht ist, kann doch nicht von eigener Verantwortung befreien.
    Ich muss doch selbst entscheiden, ob etwas zu riskant ist oder nicht, unabhängig davon, es erlaubt ist oder eben nicht.
    Wenn natürlich offensichtlich das Betreten verboten ist, hat sich die Frage erledigt, dann bleibt man draußen.

    Das Beklettern eines Baumes mag erlaubt sein, wenn er aber nur aus morschen Ästen besteht, sollte man es lieber bleiben lassen.

  7. 4

    @Thilo: Du gehst davon aus, dass das Betreten der Abwasseranlagen für Betriebsfremde, also jedermann und somit auch Geocacher, immer und überall erlaubt ist, oder? :-?
    Möchtest du mal bei einer Stadt deiner Wahl um Erlaubnis bitten und uns an der Antwort teilhaben lassen?

  8. 3

    Zum Thema Verbote …
    Wollen wir dann auch Motorradfahren verbieten?
    Oder Klettern, Drachenfliegen, Hochseesegeln, Tauchen und ähnliches?
    Man kann nicht jeden Menschen mit Verboten und Regelungen vor sich selbst bewahren und damit möchte ich nicht behaupten, dass die junge Frau ja selbst schuld ist, denn niemand von uns weiß, wie genau hier das Unglück seinen Lauf genommen hat.
    Es ist absolut tragisch, was hier passiert ist, da kann aber das Hobby nichts dafür, ebenso wenig der Owner oder ein Reviewer.

  9. 2

    Jetzt ist es wieder mal passiert, ein Geocacher ist höchstwahrscheinlich wie eine Ratte im Abwasserkanal ersoffen.

    Ja, das kann passieren. Entweder im Kanal ersoffen, von der Klippe gestürzt, neben der Verkehrsinsel überfahren…..

    Wie Mark so schön schreibt:“Öfters mal Hirn einschalten!“

    Ganz ehrlich? Zu meinen wilden „Geocacher“ Zeiten habe ich oft genug das „Hirn“ ausgeschalten und mir gedacht: „Des basst scho!“

    Ob ich nun ohne Kletterausrüstung den Baum hoch geklettert bin ohne Sicherung. Ob ich nun in ein Kanalsystem unter einem Autobahnkreuz reinkrabbeln musst (durfte) oder ob ich einen Klettersteig ganz ohne Ausrüstung machen wollte und dann nach einigen Metern aufgegeben habe…. es ist zum Glück nichts passiert.

    Heute, schüttle ich den Kopf und verzichte auf den Smiley….

    Damals waren es keine T5er, heute wird doch fast jeder T4er als T5er deklariert. Ja, das Leben IST nun mal gefährlich. Ein bisschen Hirn muss man schon noch benutzen können.

  10. 1

    Nicht weitermachen wie bisher. Sondern öfter mal Hirn einschalten. Wer bei dem Wetter der letzten Tage U-Caches macht, der scheint das vergessen zu haben. Sorry für die harten Worte, aber man geht ja auch nicht auf der Autobahn spazieren.

    Von einer Archivierung halte ich genau null. Da könntest du dann bei U-Caches anfangen, bei allen anderen T5ern weitermachen und letztendlich quasi jeden Cache ins Archiv schicken. Das Leben IST nunmal gefährlich. Man kann nur versuchen, dieses Risiko zu minimieren. Und dazu gehört eben auch, bei Regen oder erwartetem Regen nicht in der Kanalisation rumzurennen.